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Wer sind die Konzerne hinter Hinkley Point C?

Electricité de France (EDF) ist Bauherr und Hauptanteilseigner des geplanten Atomkraftwerks Hinkley Point C. EDF betreibt in Frankreich 58 AKWs an 19 Standorten. Das 1946 gegründete Unternehmen ist derzeit der größte AKW-Betreiber weltweit. EDF gilt mit Verbindlichkeiten in Höhe von 55 Milliarden Euro als hoch verschuldet und sieht sich wachsenden Kosten für die Instandhaltung der alternden Reaktoren gegenüber.

EDF möchte die Laufzeit seiner AKWs von 40 auf 60 Jahre verlängern und betreibt eifrig Lobbyarbeit in dieser Richtung. Eine Enquete-Kommission der französischen Nationalversammlung hat in einem Gutachten zur Nutzung der Atomenergie allerdings vorgerechnet, dass für den von EDF gewünschten Weiterbetrieb aller laufenden AKWs bis zu einer Laufzeit von 60 Jahren Investitionen von über 110 Milliarden Euro bis 2033 nötig sind, weil lange zu wenig in die Instandhaltung der Reaktoren investiert worden sei.

On the anniversary of the Chernobyl disaster, 30 Greenpeace activists from six European nations halt construction at the site of the Électricité de France’s (EDF) proposed new European Pressurized Water Reactor (EPR). Activists block the entrance to the site with trucks and occupy cranes and other construction equipment, demanding an immediate end to construction at both Flamanville in France and Europe's other EPR site at Olkiluoto, Finland, calling the plants dangerous, unnecessary and uneconomic.
Protestaktion gegen EDF. Der Konzern sieht sich immer wieder Kritik ausgesetzt. Foto: Pierre Gleizes / Greenpeace

Die Gesamtinvestitionen für Hinkley Point C belaufen sich nach den Planungen von EDF auf 16 Milliarden britischen Pfund (GBP). Im Oktober 2013 vereinbarte EDF mit der britischen Regierung eine Subventionierung des in Hinkley Point C produzierten Stroms in Höhe von 92,50 GBP pro Megawattstunde. Diese staatlich garantierte Vergütung dürfte den britischen Haushalt über die gesamte Laufzeit von 35 Jahren mit umgerechnet rund 108 Milliarden Euro belasten. Außerdem erhält EDF Kreditgarantien über zehn Milliarden GBP, die die Kreditaufnahme für das Bauprojekt erheblich verbilligen dürften. Dazu kommen Staatsgarantien für die Übernahme des Atomabfalls in unbekannter Höhe. Finanzanalysten rechnen damit, dass das Konsortium um EDF über die Gesamtlaufzeit des Reaktors zwischen 65 und 80 Milliarden GBP an Dividende einstreicht, was einer Verzinsung von 19 bis 21 Prozent jährlich entspricht. EDF soll mit bis zu 50 Prozent an Hinkley Point C beteiligt werden, Areva mit rund zehn Prozent.

Störfälle bei EDF in Frankreich

In den von EDF betriebenen französischen AKWs kam es innerhalb der vergangenen 35 Jahren zu mehreren größeren Störfällen: Der schwerste dürfte sich im März 1980 abgespielt haben. Damals ereigneten sich im Kernbereich des Reaktors A2 in Saint-Laurent-des-Eaux ein Ausfall des Kühlsystems und eine beginnende Kernschmelze eines Brennelementes im Kernbereich des Reaktors. Nachdem Vorwürfe aufgetaucht sind, damals sei Plutonium in die Loire freigesetzt worden, wird dieser Fall aktuell erneut untersucht.

Schwere Störfälle ereigneten sich auch im AKW Blayais bei Bordeaux, dessen Gelände im Juni 2015 innerhalb einer Woche zweimal aus Sicherheitsgründen geräumt werden musste, weil geringe Mengen Radioaktivität aus dem Reaktordruckbehälter ausgetreten waren. Im Winter 1999/2000 wurden Teile des AKWs während einer Flut überschwemmt. Die Stromversorgung fiel dabei für mehrere Stunden aus, ebenso wie eine der Pumpanlagen zur Kühlung eines Reaktors. In den folgenden Jahren wurden an mehreren AKWs die Flutschutzdämme zwar erhöht. Allerdings warfen noch 2013 französische Atomexperten EDF vor, an mindestens sechs Standorten nicht den nötigen Schutz vor Überflutungen umgesetzt zu haben.

Im AKW Fessenheim, direkt an der deutschen Grenze gelegen, ereignete sich im Februar 2015 ein Rohrbruch, bei dem 100 Kubikmeter Wasser in den Maschinenraum gelangten. Weil EDF diesen Vorfall erst Tage später meldete und zudem ohne gründliche Prüfung den betroffenen Reaktor wieder angefahren hatte, warf die Atomaufsicht Autorité de Sûreté Nucléaire (ASN) dem Konzern ein zu laxes Störfallmanagement vor.

Weitere schwerere Störfälle an EDF-Standorten ereigneten sich im AKW Cattenom, wo sich unter anderem Anfang 2015 ein Brand außerhalb des Reaktorsicherheitsbereichs ereignete sowie Ende 2014 ein Defekt dazu führte, dass ein Reaktor des AKW heruntergefahren werden musste. Aus dem AKW Penly trat 2012 radioaktive Flüssigkeit in benachbarte Gewässer aus. EDF meldete den Vorfall erst fünf Monate später. Eine gerichtliche Untersuchung stellte fest, dass die Instandhaltung der Anlagen mangelhaft gewesen sei. Insgesamt verzeichnete die staatliche ASN seit dem Jahr 2000 rund 1.200 einzelne Störfalle an kommerziellen Atomreaktoren in Frankreich.

Fragwürdige Machenschaften

2009 hatte EDF die private Detektei Kargus Consultants damit beauftragt, die Aktivitäten der Umweltschutzorganisation Greenpeace in Frankreich, Großbritannien, Belgien und Spanien auszuspionieren. Die Detektive hackten unter anderem den Computer von Kampagnendirektor Yannick Jadot. Zwei EDF-Manager und zwei Mitarbeiter von Kargus wurden dafür 2011 zu mehrjährigen Gefängnisstrafen und EDF zu einer Geldstrafe in Millionenhöhe verurteilt.

Bis 2010 hielt EDF einen Anteil von 45 Prozent an der EnBW, der damals in einem Eilverfahren und ohne parlamentarische Beteiligung vom Land Baden-Württemberg zurückgekauft wurde. Damals ließen sich sowohl die deutsche Landesregierung als auch EDF gegen hohe Provisionen von der US-Bank Morgan Stanley beraten, deren französische Filiale damals vom Zwillingsbruder des damaligen EDF-Chefs, Henri Proglio, geleitet wurde.

Die Ehefrau von Henri Proglio soll 2013 und 2014 mehr als 1,8 Millionen Euro durch Sponsorenverträge mit EDF verdient haben. Eine Untersuchung sollte klären, ob Proglio dabei seinen Einfluss geltend gemacht habe. Proglio verließ das Unternehmen 2014 – offiziell allerdings nicht wegen der Affäre. Daneben wurde Proglio auch zum Ziel einer Untersuchung des französischen Finanzamts. Hier bestand offenbar der Verdacht der Vorteilsannahme im Gegenzug für weitreichenden Technologietransfer zugunsten chinesischer Partnerfirmen, die ebenfalls am Projekt Hinkley Point C beteiligt sind.

EDF in Großbritannien

2009 wurde British Energy von EDF übernommen und firmiert seitdem unter dem Namen EDF Energy. Insgesamt betreibt die Konzerntochter an sieben Standorten AKWs, die mehr als die Hälfte des von EDF in Großbritannien produzierten Stroms liefern.

Das Unternehmen hat im Jahr 2010 Drücker-Kolonnen und Callcenter beschäftigt, um Kunden mit angeblichen Vorteilen und Einsparungen zum Wechsel ihres Strom- und Gasanbieters zu bewegen. EDF zahlte deswegen im Jahr 2012 rund 3,5 Millionen GBP an seine 70.000 bedürftigsten Kunden zurück und eine weitere Million an eine NGO. Die Gesamtsumme von 4,5 Millionen GBP war angeblich die höchste Strafe, die jemals gegen Energiefirmen in Großbritannien verhängt worden war.

Hinckley Point B Power Station. Nuclear Power plant on the North Somerset coast run by British Energy.
Auch am Standort Hinkley Point B gab es bereits Probleme. Foto: Kate Davison / Greenpeace.

Störfälle: Im Jahr 2014 musste das Unternehmen Reaktoren in Heysham und Hartlepool vom Netz nehmen, nachdem in baugleichen AKWs Risse im Druckwasserbehälter auftraten. Der Ausfall mehrerer Sicherungssysteme beim Umladen eines Brennstabs im März 2002 führte im AKW Heysham zu einem schwereren Störfall der Kategorie 2. Auch am Standort Hinkley Point B gab es Probleme durch den Gewichtsverlust im graphitmoderierten Reaktor. Zudem geriet der AKW-Standort anlässlich einer Sturmflut 1981 unter Wasser. Damals wurden die Motoren unter Wasser gesetzt, die benötigt werden, um das Kühlwasser für den Reaktor zu pumpen. Der Schaden legte das Kraftwerk mehrere Wochen still. Aus Dungeness B sickerte offenbar über Monate, wenn nicht Jahre, radioaktives Tritium aus, wie EDF selbst im April 2013 bei Probebohrungen in der Nähe des AKW festgestellt hat. Die Werte lagen bei dem Siebenfachen des genehmigten Wertes. EDF Energy sieht sich immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt, bei seinen AKWs zu wenig in Sicherheitsmaßnahmen zu investieren. Während EDF in Frankreich 10 Milliarden Euro über einen unbekannten Zeitraum in die Sicherheit seiner AKWs steckt (bis 2025 55 Milliarden Euro), sind es in Großbritannien nur 215 Millionen Euro.

Das Unternehmen geriet auch deswegen in die Schlagzeigen, weil das Unternehmen unnötige Atommülltransporte durchführte, um die teuren Spezialbehälter besser auszulasten und Kosten zu optimieren. Im Juli 2014 wurde bekannt, dass EDF Energy plante, an seinen schottischen AKW-Standorten Hunterston und Torness auch Atomabfälle aus dem jeweils anderen AKW zwischenzulagern, bevor die Abfälle in die Endlagerung (gegenwärtig in Sellafield) gehen. Das Unternehmen wollte den Abfall aus zwei AKWs in denselben Abfallbehälter packen. Dafür müssten diese allerdings aufwändig hin- und hergefahren werden, was das Risiko von Unfällen erhöht.

Vom AKW-Standort Torness waren zudem 28 Ölfässer mit radioaktiven Rückständen in eine Recyclinganlage in Cumbria geschickt worden. Als die radioaktive Belastung auffiel, wurde der schwach aktive Atommüll umgehend nach Torness zurücktransportiert. EDF bekam wegen des Vorfalls eine Rüge von der Scottish Environment Protection Agency (SEPA) wegen des Bruchs von Regeln zur sicheren Lagerung und Transport von radioaktiven Abfällen.

INFO Das Original-Dossier mit allen Quellen-Angaben und Recherche-Links steht hier  zum Download bereit. Mehr zu den chinesischen Investoren von Hinkley Point C finden Sie hier.