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EPR-Reaktormodell unter Druck

Zusätzlich zu den hohen und langfristigen Subventionen sorgen die erheblichen Verzögerungen und Probleme bei den EPR Bauprojekten in anderen Ländern für begründete Zweifel an dem Projekt Hinkley Point C, schreibt die Atom-Expertin Oda Becker in ihrer neuen Studie zu Kosten und Risiken des umstrittenen Atomprojektes. 

Es gibt zurzeit weltweit drei EPR-Bauprojekte:

  • Six activists from Greenpeace scale a 100 meter high crane early in the morning for a protest occupation at the construction site of Olkiluoto 3, Finland's fifth nuclear reactor. Activist Sini Saarela from Finland is on the foreground. The protest is a direct reaction to the quality problems at the construction site, which has lead to over one thousand reported breaches of safety standards. Greenpeace calls on TVO, the company that ordered the reactor, to make all the documents describing the one thousand reported quality problems public, repay the state subsidies it has received for the project and drop any plans on new nuclear projects.
    Greenpeace-Protestaktion auf der Baustelle von Olkiluoto. Foto: Nock Cobbing/Greenpeace

    Olkiluoto 3 (Finnland): Der Bau begann 2005 und der Reaktor sollte 2009 zu einem Preis von € 3 Milliarden (US$ 3,6 Milliarden) in Betrieb gehen. Im Jahr 2015 wurde mit der Inbetriebnahme nicht vor 2018 gerechnet. Die Kosten sind auf € 8,5 Milliarden (US$ 9,5 Milliarden) gestiegen. Kosten und Bauzeit haben sich etwa verdreifacht.

  • Flamanville 3 (Frankreich): Der Bau begann 2007, das AKW sollte 2012 in Betrieb gehen. Die veranschlagten Kosten betrugen € 3,2 Milliarden (US$ 4,7 Milliarden). Bis September 2015 wurde eine Inbetriebnahme für 2017 zu Kosten von inzwischen € 10,5 Milliarden (US$ 11,8 Milliarden) erwartet.[1] In einem Brief am 9. Oktober 2015 an das französische Energieministerium hat EDF gebeten, den offiziellen Termin für die Inbetriebnahme bis zum 11. April 2020 zu verschieben, was eine erneute dreijährige Verzögerung bedeutet. Die Kosten haben sich verdreifacht und die geschätzte fünfjährige Bauzeit hat sich auf 14 Jahre somit mehr als verdoppelt.
  • Taishan 1 & 2 (China): Der Bau der beiden Blöcke begann 2009 bzw. 2010. Damals wurde ihre Inbetriebnahme für das Jahr 2014 erwartet. Dieser Termin wurde nun auf 2016 verschoben, zuverlässige Kosteninformationen wurden nicht veröffentlicht. Aufgrund der jüngsten Probleme mit den Reaktordruckbehältern ist der Zeitpunkt für die Inbetriebnahme fraglich.

Eine ganze Reihe technischer Probleme war die Ursache für die Verzögerungen und Kostensteigerungen: Im Roussely-Bericht, einer von der französischen Regierung im Jahr 2010 beauftragten Untersuchung zu den Problemen beim Bau von Flamenville-3, heißt es: „Die Komplexität des EPR, aufgrund des Designs, insbesondere des Leistungsniveaus, des Sicherheitsbehälters, des Core Catchers und der Redundanz der Sicherheitssysteme stellen sicherlich ein Handicap beim Bau und daher bei den Kosten dar.“

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Der geplante EPR-Reaktor im französischen Flamanville. Foto: schoella / panoramio

Einige der technischen Schwierigkeiten werden im Folgenden exemplarisch skizziert.

Sowohl bei Olkiluoto als auch bei Flamanville gab es Schwierigkeiten bei der Qualitätskontrolle, besonders bei den Schweißnähten. Zudem gab es große Probleme, die Anforderungen an die Leittechnik zu erfüllen. Dieses Problem wurde 2009 deutlich, als eine gemeinsame Erklärung der finnischen, französischen und britischen Aufsichtsbehörde (die gerade die GDA durchführte) ihre Bedenken ausgedrückte.

Später äußerte auch die Aufsichtsbehörde der USA ihre Bedenken, die ebenfalls eine allgemeine Designbewertung durchführte. Der Genehmigungsprozess für den EPR in den USA wurde 2015 auf unbestimmte Zeit ausgesetzt. Vor kurzem zeigten „durchgesickerte“ Dokumente, dass Frankreichs Aufsichtsbehörden von schlecht funktionierenden Klappen in Flamanville erfahren haben, die Kernschmelzen verursachen könnten; ähnlich dem Unfall im AKW Three Mile Island (1979) in den USA.

Das größte der bisher aufgetretenen Probleme des EPR ist noch vollständig ungelöst:

Am 7. April 2015 gab EDF bekannt, dass „sehr ernste“ Materialmängel in Boden und Deckel des Reaktordruckbehälters (RDB) in Flamanville entdeckt worden sind. Diese Teile wurden am Werk Le Creusot (Areva) gemeinsam gefertigt. Betroffen sind die Bauprojekte von Flamanville und Taishan, während der RDB für Olkiluoto von einem anderen Unternehmen geliefert worden war. Noch drei weitere Reaktordeckel und Böden wurden im Werk Le Creusot gefertigt (zwei für Hinkley Point C und für das später aufgegebene Projekt Calvert Cliffs in den USA). Sie weisen ebenfalls Materialfehler auf. Seit Mitte 2015 laufen Untersuchungen, um das weitere Vorgehen zu klären.

Laut Analyse der französischen Atomaufsichtsbehörde (ASN) und seiner technischen Gutachterorganisation (Institut für den Strahlenschutz und die Nukleare Sicherheit (IRSN)), hat Areva entgegen der Richtlinien einen Herstellungsprozess gewählt, der keine technische Qualifikation im Vorfeld erhalten hatte. ASN erklärt, dass sie Areva wiederholt vor der Gefahr gewarnt hatte, wenn die Herstellung auf diese Weise fortgeführt würde. Das von Areva geplante Untersuchungsprogramm zu den Fehlern an den RDB-Teilen liefert seine Ergebnisse im ersten Halbjahr 2016. ASN kann daher vor dem zweiten Halbjahr 2016 keine Entscheidungen treffen. Die Aufsichtsbehörde in China erklärte, dass kein Kernbrennstoff geladen werden kann, bis die Situation geklärt ist.

Laut World Nuclear Industry Status Report 2015 scheint es drei Optionen zu geben: Die Aufsichtsbehörden können entscheiden, dass die Abweichung von der erforderlichen Spezifizierung annehmbar ist und keine weitere Handlung erforderlich ist. Die zweite Option wäre die Durchführung von Reparaturen und die dritte wäre das Ende der AKW-Projekte, weil Reparaturen unmöglich sind. Das Auftreten der RDB-Probleme im April 2015 stellt das Hinkley Point C Projekt als Ganzes in Frage. Zu etwa demselben Zeitpunkt ist das volle Ausmaß der Finanzschwierigkeiten von AREVA deutlich geworden, als das Unternehmen die jährlichen Verluste von fast € 5 Milliarden für 2014 bekannt gegeben hat. AREVA und sein finnischer Kunde TVO haben sich gegenseitig beklagt, um zu entscheiden, wer die zusätzlichen Kosten für Olkilouto-3 tragen muss.

INFO Oda Becker: „Hinkley Point C – Die unterschätzten langfristigen Kosten und Risiken“. Die vollständige Studie steht hier zum Download bereit.