Hinckley Point B Power Station. Nuclear Power plant on the North Somerset coast run by British Energy.

Hinkley Point C: „Großer Elefant ohne Nutzen“

Die kritischen Stimmen gegen das Atomkraftwerk Hinkley Point C sind nun auch in Großbritannien selbst nicht mehr zu ignorieren. Politiker, Finanz- und Energieanalysten melden sich in den letzten Wochen immer häufiger zu Wort, auch große Tages- und Wochenblätter berichten und kommentieren kritisch. Quer durch die politische Parteien- und Presselandschaft wächst die Zahl der Kritiker und Gegner des Projektes. Auch wenn die Beweggründe breit gefächert sind, der Tenor ist deutlich: Stoppt Hinkley!

Von Falk Künstler

Noch ist der Vertrag zwischen der britischen Regierung und den französischen sowie englischen Partnerfirmen über die Finanzierung von Hinkley Point C nicht unterzeichnet. Das könnte allerdings, so berichtet die Sunday Times – bereits im Oktober der Fall sein, anlässlich eines Besuchs des chinesischen Staatspräsidenten Xi Jinping. Neben anhaltender Kritik aus dem europäischen Ausland nimmt in nun auch innerhalb Großbritanniens der Druck auf das Projekt deutlich zu. Bis jetzt versuchen das britische Ministerium für Umwelt Energie und Klimawandel (DECC), mit Energieministerin Amer Rudd, sowie Finanzminister George Osborne (beide „Tories“, also Angehörige der Konservativen Partei) sich unbeeindruckt von der wachsenden Kritik zu zeigen. Aber auch ihnen dürfte klar geworden sein: Widerstand gegen das Projekt kommt längst nicht mehr nur aus Reihen von Umweltschutzverbänden oder kleinen Teilen der Opposition.

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Auch bei den Kommentatoren britischer Tageszeitungen wächst die Skepsis am teuren Subventionsdeal. Foto: Mike Thomas / fotolia

„Kill the project off for good“ (übersetzt in etwa: „Begrabt das Projekt ein für alle Mal“) – So resümiert ein Artikels der als konservativ geltenden Wochenzeitung The Telegraph die neuesten Entwicklungen. Darüber hinaus wurden kürzlich weitere Vertragsdetails bekannt, wonach die finanzielle Beteiligung der chinesischen Partner China General Nuclear und China National Nuclear Corporation am Bau von Hinkley Point C maßgeblich von der Zusammenarbeit bei weiteren Projekten abhänge.

Wie The Telegraph schreibt, wäre die Finanzierung von HPC für die chinesischen Vertragspartner wohl ebenso unerfreulich, wie für die britischen Verbraucher als Leitragende der massiven Subventionen. Mit der Aussicht auf zukünftige Projekte in Großbritannien, dann unter chinesischer Leitung, würde man jedoch in den sauren Apfel beißen. Ein möglicher Standort dafür scheint bereits gefunden: Bradwell in Essex, bei dem dann chinesische Reaktoren zum Einsatz kommen sollen. Der französische Bauherr von Hinkley Point C, Électricité de France (EDF) soll dabei eine Minderheitsbeteiligung halten.

Zweifel an Sinnhaftigkeit des ganzen Projektes

Angezweifelt wird außerdem, ob Hinkley Point überhaupt geeignet ist, zukünftig mögliche Energieengpässe in Großbritannien auszugleichen. Viele der alten Kohlekraftwerke werden nämlich schon vor der geplanten Inbetriebnahme des AKW 2023 vom Netz gehen müssen. Erprobte Technologien zu vertretbaren Kosten seien die richtige Antwort auf die kommende Abschaltung vieler Kohlekraftwerke, schreibt die Financial Times. EDF biete allerdings keines der gleichen. Die Zeitung The Independent veröffentlichte Zahlen, gestützt durch eine Zusammenstellung vom Greenpeace Energydesk, nach denen allein an die Londoner Anwaltskanzlei Slaughter and May bereits 1,3 Millionen Pfund für die Vertragsverhandlungen mir Betreiber EDF gezahlt wurden.

Reaktorenstandort Hinkley Point: So teuer wie 40 Krankenhäuser. Foto: Kate Davison / Greenpeace

Die Sunday Times kommentierte den Bau unterdessen etwas ironisch mit Projekten, die stattdessen für die Baukosten von Hinkley Point C realisiert werden könnten. Für die auf aktuell 24,5 Milliarden Pfund (knapp 34 Mrd. Euro) geschätzte Summe, ließen sich beispielsweise 40 Großkrankenhäuser in der Dimension des Royal London Hospitals, zwei neue landesweite Schienennetze oder auch ein weiterer Drei-Schluchten-Damm (China) realisieren, wobei dieser mit 22,5 Gigawatt zumindest das Siebenfache an Energie liefere.

Bank-Studie mit vernichtendem Ergebnis

Für Aufsehen sorgte zudem ein Bericht von Analysten der britischen HSBC – nach ihrem Börsenwert Europas größte Bank – demzufolge für die britische Regierung mehr als genug Gründe bestünden, das Projekt abzubrechen oder mindestens aufzuschieben. Vor allem sei das Vorhaben einfach viel zu teuer. Prognostiziert wurden Rückgänge in der Energienachfrage und wachsende Importkapazitäten, diese würden die europäischen Großhandelspreise für Strom weiter senken. Die Energiepreise seien seit der Vereinbarung der Fixvergütung im November 2011 bereits um 16 Prozent gefallen, wie The Guardian berichtet. Folglich wächst auch die Summe staatlicher Ausgleichzahlungen, die für Differenz zwischen Marktpreis und der garantierten Fixvergütung von 92,5 Pfund/MWh anfallen würde, immer weiter an. Laut HSBC trägt dies, zusätzlich zu den bisherigen Sicherheits- und Technikproblemen der EPR-Reaktoren, massiv zur Unwirtschaftlichkeit des Projektes bei.

A general view of the New London offices of the EU Commission at Europe House
Selbst unter konservativen Politikern wächst der Unmut über die Milliarden-Subventionen, die von der EU-Kommission genehmigt wurden. Foto: Europäisches Parlament

Lord Turnbull – ehemaliger Erster Sekretär im Kabinett von Magret Thatcher und wie John Major aktuell Mitglied im Wirtschaftsausschuss des Oberhauses – bemerkte: Es solle weniger darum gehen, ob eine Umsetzung des Projekts noch möglich wäre, als vielmehr darum, ob dieses auch sinnvoll ist. Er nannte das Vorhaben HPC ein Fass ohne Boden oder auch als „Big White Elephant“, einen teuren Besitz ohne großen Nutzen. Ins gleiche Horn stieß auch der frühere konservative Energieminister Lord Howell of Guildford – Schwiegervater vom aktuellen Energieminister Osborne und früherer Verfechter von Atomenergie. Er bezeichnete HPC als „one of the worst deals ever for British households and British industry“(The Independent). Nach ihm begründet sich dies vor allem in Problemen der Zulieferer von EDF, ständigen Preiskorrekturen, in der Entlassung britischer Arbeitskräfte, der immer noch ausstehenden Fertigstellung eines typgleichen Reaktors sowie in jahrelangen Verzögerungen auf anderen Baustellen von EDF.

Analysten des Informationsdienstleisters Bloomberg New Energy Finance (BNEF) raten ebenso von HPC ab. Die Kapazitäten des Megaprojekts seien schlicht nicht nötig, ginge man wie auch HSBC von einem sinkenden Energieverbrauch und anhaltenden Wachstum im Ausbau von erneuerbaren Energien aus. Gebraucht würden laut BNEF kleine, flexible Kraftwerke, um die mit einem wachsenden Anteil von Wind- und Sonnenenergie verbunden natürlichen Schwankungen auszugleichen. Gefragt wären beispielsweise effiziente Gas-Kraftwerke, keine gigantischen Atomprojekte.

Mit „gesundem Menschenverstand“ ließe sich das Projekt schon seit langem nicht mehr rechtfertigen – so The Telegraph zu Anfang des Monats. HPC sei zu Zeiten wesentlich höherer Energiepreise geplant worden. Diese Annahmen hätten sich, auch durch technische Fortschritte und Kostendegressionen im Bereich der Erneuerbaren, nicht bewahrheitet, was dem Projekt nun jegliche Legitimation entziehe. Auch die Financial Times merkt an, dass die Wirtschaftlichkeit vor dem Hintergrund fallender Preise von Speichertechnologien und erneuerbaren Energien wie Solarkraft betrachtet werden muss. Der logische Schluss aus den veränderten Bedingungen wäre letztlich, das Projekt neu auszuschreiben – dann unter strengeren Kriterien und fairen wettbewerblichen Bedingungen. Der Wunsch, sich vor dem Eingestehen politischer Fehler zu drücken, könne keine Entschuldigung dafür sein, Staat und Steuerzahlern unzumutbare Kosten aufzulasten.

Für Dr. Doug Parr von Greenpeace UK ist die Handlungsaufforderung an die britische Regierung unmissverständlich: Anstatt zwei Generationen von Energieverbrauchern subventionsbedingt zu hohe Energiepreise abzuverlangen, müsse endlich in saubere Energiequellen investiert werden: Deren Kosten sinken jährlich, für die Fertigstellung von Anlagen müssen keine Jahrzehnte veranschlagt werden und die Entsorgung droht keine Milliarden zu verschlingen.