Die britische Energiemarktreform und „Contracts for Difference“

Worauf basieren die von der britischen Regierung geplanten Beihilfen für Hinkley Point C? Und was verbirgt sich hinter den „Contracts for Difference“? Hier beantworten wir die wichtigsten Fragen.

Die britische Regierung hat sich im Climate Change Act 2008 verpflichtet, den Ausstoß von Treibhausgasen bis 2050 um 80 Prozent verglichen mit 1990 zu reduzieren. Die Electricity Market Reform (EMR) von 2013 soll helfen, dieses Ziel erreichbar werden zu lassen. Die EMR ist Teil einer umfassenden Strategie des Department of Energy and Climate Change (DECC) der britischen Regierung, um Anreize für Investitionen in CO2-arme Technologien und in eine gesicherte Energieversorgung zu schaffen. Die Energiekonzerne erhoffen sich daraus ergebende Investitionen von rund 110 Milliarden Pfund oder umgerechnet mehr als 150 Milliarden Euro.

Einen der Eckpfeiler des Reformpakets stellt das neue Einspeisetarifsystem mit so genannten Contracts for Difference (CfD) dar. Das CfD-Modell soll den Betreibern von – nach britischer Definition – CO2-armen Anlagen einen langfristigen, privilegierten Einspeisetarif garantieren. Für den Fall, dass die Marktpreise unter der vereinbarten Höhe liegen, zahlt der Staat die Differenz an die Anlagenbetreiber aus.

Durch das CfD-System wird das bisherige Quotensystem, das „Renewable Obligation-Modell“ (RO-Modell) abgelöst, bei dem die Betreiber der Stromerzeugungsanlagen Zertifikate an die Energieversorger weiterverkaufen. Die Energieversorger hatten dabei die Auflage, einen zunehmenden Anteil dieser Zertifikate aus erneubaren Energiequellen zu beziehen. Die Umstellung erfolgt innerhalb einer Übergangsfrist. Zwischen 2014 und 2017 können Anlagenbetreiber entscheiden, ob sie das alte Quotensystem mit Zertifikaten oder die garantierte Einspeisevergütung für ihre Anlagen in Anspruch nehmen. Da die Zertifikate für 20 weitere Jahre ausgeteilt werden sollen, erfolgt eine verbindliche Umstellung auf das CfD-Modell für die letzten Anlagen erst 2037.

Auch wenn Ähnlichkeiten zum deutschen Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) und dessen Marktprämie zu finden sind, ergibt sich ein bedeutender Unterschied im britischen Modell: Im deutschen EEG profitieren nur Anlagen mit erneuerbaren Energiequellen von der Einspeisevergütung, wohingegen das Förderkriterium in Großbritannien ein möglichst geringer CO2-Ausstoß ist. Dadurch kommen neben den Erneuerbaren auch Atomkraftwerke als geförderte Energielieferanten in Frage. Zuträglich sind der britischen Atomindustrie außerdem steigende Strompreise, die sie als günstige Alternative erscheinen lassen. In der Ökostrom-Branche kam deshalb die Befürchtung auf, die geplante Förderung von Atomenergie könne Betreiber kleinerer erneuerbarer Energieanlagen vom Markt verdrängen und so die Energiewende behindern.

Als zweiten wichtigen Pfeiler enthält die EMR die Errichtung eines Kapazitätsmarktes als Reaktion auf die Abschaltung einiger britischer Kraftwerke. Der Kapazitätsmarkt soll Anreize für den Bau zusätzlicher Kraftwerkskapazitäten – vermutlich in der Hauptsache Gaskraftwerke – bieten. Um die zur Bedarfsdeckung erforderlichen Kapazitäten zu gewinnen, wird von den Netzbetreibern eine jährliche, landesweite Auktion durchgeführt, an der bereits existierende als auch neue Stromerzeuger, Laststeuerungs- und Stromspeicher-Betreiber teilnehmen können.

Daneben sieht die britische Energiemarktreform Ausgleichszahlungen für energieintensive Unternehmen vor, da aufgrund einer verbindlichen CO2-Preisuntergrenze die Stromkosten gestiegen sind. Die Preisuntergrenze ergibt sich aus einer Steuer auf CO2-intensive Brennstoffe. Auch hier fallen Ähnlichkeiten zu den Ausnahmereglungen des EEG für energieintensive Unternehmen auf. Diese Ausgleichzahlungen wurden, wie die Differnenzzahlungen aus den CfD, bereits von der Europäischen Kommission genehmigt.

Die Unterschiede in den Auffassungen zur Realisierung der Energiewende beziehungsweise zur Einhaltung der Klimaziele in Großbritannien und Deutschland zeigen sich somit vor allem im Umgang mit der Atomindustrie. Umso mehr wird klar, dass die Entscheidung über die Subventionen für Hinkley Point C nicht nur die Finanzierung eines einzelnen Atomkraftwerks betrifft, sondern die langfristige, nationale Planung zur Energieversorgung in Großbritannien – mit Auswirkungen für Europa durch die Verknüpfung der Energienetze.

Mitarbeit: Falk Künstler